Jugend. Wenn Kinder zuschlagen, liegt das auch an Sprachlosigkeit und Isolation.
Sylvia Wörgetter
Salzburger Nachrichten, 7.03.2009
Jeder zweite Schüler hat verbale oder körperliche Gewalt in der Schule erlebt. Dies ergab die Studie „Jugend und Gewalt“ des Instituts für Jugendforschung vor rund zwei Jahren. Als Gerichtspsychiater hat Norbert Nedopil mit Jugendlichen zu tun, die wegen oft schwerer Gewaltdelikte vor Gericht landen. Doch die Gewaltspirale beginnt sich sehr viel früher zu drehen, oft schon in der Kindheit. Lehrer und Eltern können die Alarmsignale erkennen, sagt Nedopil.
Sie treffen als Gutachter im Gerichtssaal auf Jugendliche, die gewalttätig geworden sind. Wie kommt es denn so weit, dass Kinder und Jugendliche zuschlagen und weit Schlimmeres tun?
Nedopil: Die Unfähigkeit, Konflikte durch Kommunikation zu lösen, ist ein wesentlicher Aspekt, dass Jugendliche gewalttätig werden. In Sonderschulen beispielsweise ist die Gewalt unter männlichen Jugendlichen deutlich höher als in Gymnasien. Der intellektuell Gebildetere ist besser in der Lage, sich verbal durchzusetzen und Lösungsstrategien zu entwickeln.
Ein weiterer Aspekt, vor allem bei Buben und jungen Männern, sind Rollenklischees: Dazugehören durch Imponiergehabe und Gewalt.
Mädchen sind sehr viel weniger in körperliche Auseinandersetzungen verwickelt als Buben. Sie sind verbal geschickter. Und sie sind verbal auch in der Lage, Männer oder Buben dafür einzusetzen, ihre Interessen durchzusetzen.
Spielt die soziale Herkunft eine Rolle dabei, wie Aggression ausgelebt wird?
Nedopil: Kinder imitieren die Vorbilder, die sie haben. In sozialer Randständigkeit finden sie leider häufiger gewalttätige Vorbilder als in der Mittelschicht.
Manche Experten behaupten, die Gewalt unter Jugendlichen nehme nicht zu, sie werde aber brutaler: Früher wurde gerauft, heute wird mit Springerstiefeln ins Gesicht getreten. Stimmt das?
Nedopil: Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Zwei Aspekte spielen dabei eine Rolle. Früher wurden körperliche Auseinandersetzungen wie Rangeleien bis zu einem gewissen Grad geduldet. Dafür gab es ungeschriebene Regeln. Man hat die Regeln respektiert, weil man sie ausgetestet hat. Heute ist Gewalt schon in den Ansätzen verpönt. Wer den ersten Ansatz zur Gewalt überschreitet, hat also danach keine Grenzen mehr. Ich will das am Beispiel illustrieren: Als Dorfbub habe ich gelernt, dass ich zwar raufen darf, aber aufhören muss, sobald jemand auf dem Boden liegt. Heute dürfen Kinder nicht mehr raufen. Wenn sie es dann aber doch tun, kennen sie die Grenze nicht mehr, wann sie aufhören müssen.
Der zweite Aspekt für Gewalteskalation ist, dass in den neuen Medien Gewalt mit einer Allmachtposition verbunden ist – bei Computerspielen zum Beispiel: Man schießt die Gegner tot, ist Herr über Leben und Tod. Dadurch werden die realistischen Grenzen aufgehoben.
Gibt es Alarmzeichen für das Entstehen von Gewalt, an denen sich Lehrer oder Eltern orientieren können?
Nedopil: Anhand verschiedener Defizite in der Persönlichkeit ist im Vorfeld erkennbar, dass Risiko zur Gewalt besteht. Man hat fünf Risikofelder ausgemacht: Ein wesentlicher Aspekt im Hintergrund der zunehmenden Gewaltbereitschaft ist, dass wir als Elterngeneration nichts Vernünftiges an die Stelle von Autorität und Disziplin, die noch die Erziehungsmaxime unserer Vorväter waren, gesetzt haben. Wenn Kinder Regeln nicht anerkennen, ist dies ein erstes Warnsignal.
Ein weiteres ist, wenn Jugendliche nicht mehr in der Lage sind, in Konflikten konstruktive Lösungen zu finden. Ein drittes Warnsignal ist zu sehen, wenn sie die Konsequenzen ihres Handelns nicht abschätzen und alternative Handlungsweisen nicht bedenken können. Das vierte und fünfte Signal sind, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, Kompromisse auszuhandeln und nicht mehr in der Lage sind, um Hilfe nachzusuchen.
Wie sollen Lehrer und Eltern am besten auf solche Signale reagieren?
Nedopil: Man muss jenen als Erstes ansprechen, der am dringendsten Hilfe braucht. Und zwar muss man ihn in einer Sprache ansprechen, die er versteht – das kann im Moment auch eine Drohung sein. Es ist im Normalfall richtig, mit positiven Verstärkern zu arbeiten. Wenn der Betreffende aber darauf nicht mehr hören kann, weil er schon zu weit abgedriftet ist in seiner Isolierung, kann es sein, dass man auf den Tisch haut und sagt: Jetzt reicht es. Und dann muss man Hilfe anbieten, sagen: Ich bin auch morgen wieder für dich da.
Ein Amoklauf ist die extreme Eskalation von Gewalt. Gibt es Anzeichen im Vorfeld dafür?
Nedopil: Die Erfahrung zeigt, dass sich potenzielle Täter zunächst von der Gruppe absolut isolieren. Sie sind extrem kränkbar, können aber auf Kränkungen nicht mehr öffentlich reagieren, sondern brüten vor sich hin. Sie sind auch zu Hause nicht mehr ansprechbar. Dann kommen meist noch Signale dazu wie Äußerungen im Internet, in Postings, hinterlegte Zettel mit Drohungen. Das ist eine wiederholt beobachtete Entwicklung.
Sollten Lehrer und Eltern eine solche Entwicklung beobachten, wie können sie reagieren?
Nedopil: Solche Menschen muss man zunächst aus dem Verkehr ziehen. Sie sind mit normalen Strategien von Pädagogen und Psychologen nicht erreichbar. ✩Am Montag lesen Sie: Was eine Schule tut, um Gewalt unter Jugendlichen vorzubeugen.
Pano / 07.03.2009 07.03.2009 / Print
November 5, 2009 um 2:16 |
Die Aspekte kann ich nur bestätigen. Wenn man genau hinsieht, kann man sie jeden Tag bebobachten. Um so niedriger die Schulform desto höher ist die Gewaltbereitschaft. Allerdings sehe ich Amokläufer als psychisch kranke Einzelfälle an. Man kann sie nur schwer im Vorfeld ausfindig machen, weil sie sich ja so isolieren. Und ich wäre sehr vorsichtig jemanden als potentiellen Amokläufer zu beschuldigen, vielleicht macht man dadurch die Lage nur noch schlimmer.