Gras drüber? Erinnerungsspuren an die NS – Vergangenheit in St.Johann im Pongau
Schüler aus St. Johann arbeiten mit Filmprojekt der Aktion Film ein tristes Stück Zeitgeschichte auf
In ganz starken Bildern haben 13 Schülerinnen und Schüler der VIII A des BORG in St. Johann von September 2008 bis Jänner 2009 ein brisantes Stück Pongauer Zeitgeschichte zu einem Dokumentarfilm verarbeitet. Erstmals öffentlich präsentiert wird der Film am Freitag, 27.Februar 2009 im Kultur:Treff, Haus der Musik, in St. Johann um 20 Uhr. Organisatoren der Veranstaltung sind die Kultur:Plattform St. Johann und die Aktion Film Salzburg. Das Projekt wurde finanziert durch die Österreichische Gesellschaft für politische Bildung.
Unter fachkundiger Anleitung des Salzburger Historikers Michael Mooslechner und der Klassenlehrerin Annemarie Zierlinger entstand in Kooperation mit der Aktion Film Salzburg eine knapp dreißigminütige Filmdokumentation rund um das Kriegsgefangenenlager STALAG XVIII C in „ Markt Pongau“, wie die Gemeinde St. Johann während der NS-Zeit hieß. Von den Schülerinnen und Schülern wurde die schwierige Aufgabe bewältigt, Ereignisse im Todeslager für sowjetische Soldaten zwischen 1938 und 1945 aufzubereiten, ins Heute zu tragen und Bewusstsein und Betroffenheit zu schaffen. Einheimische Zeitzeugen kommen zu Wort, mit Original Bildmaterial werden historische Fakten aufbereitet, und St. Johannern NS-Opfern wird ein virtuelles Denkmal gesetzt.
Erschütternde Ereignisse im Pongau während der NS-Zeit
Im „Markt Pongau“ entstand 1941 ein Lagerkomplex, der aus „Nordlager“, in dem fast ausschließlich Gefangene aus der Sowjetunion interniert waren und dem „Südlager“, in dem Franzosen, Serben, ab 1942 auch Belgier und ab 1943 auch Engländer sowie Italiener gefangen gehalten wurden. Das Lager war für 10.000 Gefangene und 1000 Personen als Wachpersonal konzipiert. Bereits im Dezember 1941waren mehr als 20.000 Menschen interniert. Insgesamt ließen im Lager in „Markt Pongau“ 3.709 Menschen aus der Sowjetunion, 51 aus Jugoslawien, 15 aus Frankreich und sieben aus verschiedenen weiteren Nationen ihr Leben. Unter dem Namen „Russenfriedhof“ erlangte die Beerdigungsstätte der Kriegsgefangenen in unseren Tagen nochmals traurige Bekanntheit. Die Gedenkstätte war bislang durch einen fehlenden Zufahrtsweg kaum zu erreichen. Erst nach mühevollen, jahrelangen Auseinandersetzungen wurde im Vorjahr mit der Errichtung eines Fuß- und Fahrweges zum „Russenfriedhof“ begonnen.
O-Töne aus dem Film „Gras drüber? Erinnerungsspuren an die NS – Vergangenheit in St.Johann im Pongau“:
Historiker Michael Mooslechner:
„Von den 3.000 russischen Gefangenen, die im November 1941 interniert waren, waren im August 1942 nur mehr 500 am Leben, so schlecht waren die Ernährungsbedingungen und so schlecht war die medizinische Versorgung. Der Grund, warum die sowjetischen Kriegsgefangenen so eklatant schlechter behandelt wurden wie die Gefangenen der West-Alliierten, ist in der Rassenideologie des Nationalsozialismus begründet, wo die slawischen Völker als minderwertig galten.“
Ein immer noch sehr bewegter und betroffener Franz Knauseder, während des Krieges 15 Jahre alter Lehrling in St. Johann:
„Wenn man da tagtäglich zweimal vorbeigeht und da liegen schwerstkranke Menschen drinnen, da ist es laut, da hört man Schreie, das schockiert einen, wenn man 15 Jahre alt ist. Ich war immer ein Mensch, der sich für die Vorgänge im Leben interessiert hat. Wenn man sieht, wie die Leute behandelt wurden, so rechtlos, verkraftet man das schwer, überhaupt mit jungen Jahren“.
Adolf Schwaiger, Pfleger des Russenfriedhofs:
„Für mich ist es oft deprimierend, wenn ich Rasen mähe und nachdenke, wie das möglich war, dass man mit Menschen so unmenschlich umgeht, dass sie zu Tausenden zu Tode kommen. Ich denke, ich mach die Friedhofspflege, es soll nicht vergessen werden. Tatsache ist ja, dass solche Ereignisse auch heute noch passieren, die Kriegshandlungen haben bis heute nicht aufgehört und das Elend von vielen Menschen ist heute noch genau so, als ob man nie etwas gelernt hätte aus den vergangenen Kriegen.“
Resumee der Schüler:
„Wir sind diejenigen, die die Verantwortung tragen, dass unmenschliche Verbrechen, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus auch von Österreicherinnen und Österreichern begangen wurden nie wieder geschehen können. Vergessen heißt, die Geschichte zu verleugnen. Erinnern heißt, aus ihr zu lernen“.
Statements Aktion Film:
„Dieses Projekt zeigt die Potentiale partizipativer Medienarbeit. In der Auseinandersetzung mit Archivmaterial und den historischen Fakten durch eigenständige Recherchen machten die Schülerinnen und Schüler die Geschehnisse in St. Johann während des Nationalsozialismus zu ihrem Thema. Sie konnten das, was sie der Öffentlichkeit zu sagen hatten frei nach ihren Vorstellungen umsetzen. Sie hatten keine Vorgaben. Wo sie Hilfe brauchten, wurden sie allerdings bestmöglich unterstützt sowie während des gesamten Prozesses von Experten begleitet. Dadurch konnten sie nicht nur an ihrer Aufgabe wachsen, sondern wuchsen über sich selbst hinaus: das Ergebnis ein beeindruckender Film.“
Christine Wijnen, Projektleiterin, Aktion Film.
„Film als pädagogisches Mittel- Schülerinnen und Schüler entwickeln die Geschichte, drehen und schneiden und kommen damit dem Inhalt den sie verarbeiten um ein Vielfaches näher, als das in herkömmlichen Unterrichtsformen möglich wäre. Film bedient sich der Mittel eines Vojeurs, um gute Geschichten zu erzählen und lässt damit die Jugendlichen an der Wirklichkeit partizipieren. Was kann pädagogisch wirksamer sein als der Zeitgeschichte Aug in Aug gegenüber zu stehen.“
Alexander Naringbauer, Projektbegleitung, Aktion Film
„Wir kennen diesen Effekt von zig Vorgängerprojekten. Wann immer man den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe begegnet und ihnen Verantwortung überträgt und ihnen dann prozessunterstützend zur Seite steht, kommt ein gutes Ergebnis heraus. Die Jugendlichen waren wieder einmal mit ganz besonderem Eifer dabei. Es war ihnen ein echtes Anliegen, Verantwortung hinsichtlich des Films und noch mehr hinsichtlich der menschlichen Haltung zu zeigen. Diese St. Johanner Jugendlichen haben in einem halben Jahr des Filmdrehs wirklich viel gelernt.
Martin Seibt, GF Aktion Film
Gras drüber ist innerhalb kurzer Zeit das zweite Dokumentarfilmprojekt der Aktion Film zum Thema Zeitgeschichte und NS-Zeit, aufbereitet von jungen Menschen für junge Menschen. Die 19-jährige Salzburger Filmemacherin Theresa Hattinger hatte sich das Thema des Jüdischen Exodus über die Krimmler Tauern 1947 ausgesucht. Hattinger hatte Filmmaterial aus der ORF-Dokumentation: Der Krimmler Exodus – Alpine Peace Crossing – Gedächtnisüberquerung 1947/2007 als Ausgangspunkt genommen, ein brisantes Stück Salzburger Geschichte lebendig aufzubereiten. Premiere des Films war kurz vor Weihnachten 2008 im Salzburger Filmkulturzentrum Das Kino.
Filmpräsentation „Gras drüber? Erinnerungsspuren an die NS – Vergangenheit in St.Johann im Pongau“ ist am 27.2.09 um 20 Uhr.
Kultur:Treff St.Johann, Eintritt Frei
Veranstalter: Kultur: Plattform St. Johann – www.kultur-plattform.at
Aktion Film Salzburg – www.aktion-film.at
Österreichische Gesellschaft für politische Bildung – www.politischebildung.at
Eckdaten zum Film:
Projektleitung: Christine W. Wijnen
Coaching/Begleitung der SchülerInnen: Alexander Naringbauer & Markus Weisheitinger-Herrmann
Drehbuch, filmische Umsetzung: SchülerInnen der VIII A des BORG St. Johann/Pg.
Filmmusik: Thomas Doss (Symphonie der Hoffnung) und Rupert Rohrmoser
Verantwortliche Lehrerin: Annemarie Zierlinger
Archivmaterial und Unterstützung der SchülerInnen bei Recherchen: Michael Mooslechner
Michael Mooslechner ist Herausgeber der Broschüre „Das Kriegsgefangenenlager STALAG XVIII C – Markt Pongau“ und gemeinsam mit Robert Stadler Autor des Buches „St. Johann/Pg. 1938 – 1945. Das Nationalsozialistische ‚Markt Pongau’. Der ‚2. Juli 1944’ in Goldegg: Widerstand und Verfolgung“
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