Amokläufe bei Jugendlichen

ORF Salzburg

AMOKLÄUFE BEI JUGENDLICHEN

26.11.2007

Medien und Schulen mit verantwortlich?
Je mehr Medien über Gewalt an Schulen berichten, desto mehr Nachahmer solcher Taten finden sich. Das betonte der deutsche Kriminalpsychologe Jens Hoffmann bei einer Tagung in Salzburg.
Öffentlicher Waffenkult, medial hochgespielte Empörung, Hype der Berichterstattung und Harmoniesucht von Pädagogen und Schulbehörden als Faktoren? Solche Fragen stellt Kriminalpsychologe Hoffmann.

Geschürte Aufregung, Filme
Gleichzeitig böten die meisten Schulen keine Beratung und Hilfe für auffällige Schüler an, weil sie um ihren Ruf fürchten. Hoffmann fordert bei der Debatte um Gewalt an Schulen deshalb weniger mediale Aufregung, dafür mehr konkrete Arbeit mit Betroffenen und Hilfe für Randgruppen unter Jugendlichen.
Zuerst der Amoklauf an einer Schule in Finnland und dann die noch von außen medial geschürte Aufregung um ein angeblich in letzter Minute verhindertes Blutbad in einer Schule in Köln – die umfassende Berichterstattung über diese Vorfälle bringe manche Jugendliche nur auf gefährliche Ideen, sagt der Aschaffenburger Kriminalpsychologe Jens Hoffmann.

Schließlich gebe es so spektakuläre Gewaltverbrechen an Schulen in Europa erst seit dem auch in einem Spielfilm aufbereiteten Massaker an einer Schule in den USA aus dem Jahr 1999.  Stille, depressive Einzeltäter
Hoffmann sieht bei den Nachahmungstätern eine überquellende Beschäftigung mit Amokläufern, eine fast schon abgöttische Verehrung mit Massenmördern wie in Columbine: „Wir haben oft Websites gefunden, die Jugendliche ins Netz stellen zur Verehrung solcher Täter. Das sind häufige Warnsignale. Es geht hier auch um persönliche Verzweiflung: `Ich weiß nicht mehr weiter, und ihr werdet schon mal sehen …`
Dazu kommt für den Kriminalpsychologen, dass Schüler, die extreme Gewalttaten fantasieren, planen oder verüben, vorher in den meisten Fällen sehr unauffällig bis angepasst waren: „Oft sind es Jungen, die eher depressiv sind, sich gekränkt fühlen und als Einzelgänger zurückziehen. Manche entwickeln Fantasien, dass sie durch eine solche Tat noch jemand sein können, der wichtig wird. Es sind sehr selten offen verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche, die aus gewalttätigen Elternhäusern kommen.“  Verhindert schöner Schein die Hilfe?
Statt lange öffentlich, journalistisch und theoretisch über Gewalt an der Schule zu diskutieren und sich zu empören, sollten Psychologen und Berater in den Schulen arbeiten. Doch damit hätten viele Direktoren und Lehrer keine Freude, ergänzt Hoffmann, weil ihnen Schein einer heilen Welt wichtig sei:
„Wir haben oft das Problem, dass Schulen die Fakten nicht wahrhaben wollen. Wenn nämlich Krisenteams eingerichtet werden, würde das ja heißen, wir haben Probleme an der Schule. Dadurch wird unser Ruf schlecht. Genau diese Einstellung ist ein falscher Weg.“  

Eine Antwort schreiben