Das EuRegio Medienzentrum (Aktion Film Salzburg, Radiofabrik, Landratsamt Traunstein und Berchtesgaden) zeigt Alternativen auf.
Seit dem neuerlichen Amoklauf an einer deutschen Schule werden Computerspiele, Filme und andere „Besorgnis erregende Medieninhalte“ wieder heiß diskutiert, und laut wird nach Verboten und Zensur gerufen. Im Besitz so genannter „Killerspiele“ lassen sich offenbar Gemeinsamkeiten zwischen den Amokläufern von Erfurt und Emsdetten ziehen, und laut Stammtischlogik wird somit in Gewalt verherrlichenden Medieninhalten die „wahre Ursache“ gefunden bzw. bestätigt.
Allerdings ist dies eine viel zu verkürzte und unzureichende Diskussion, denn man muss sich mit dem gesamten Komplex diverser gesellschaftlicher und sozialer Problemlagen sowie Orientierungslosigkeit auseinander setzen, um Einblick in die Hintergründe solcher Ereignisse zu erlangen. Sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu ziehen, indem man den Medien die Schuld gibt, ist zu einfach!
„Die wahren Probleme liegen meist im schwierigen Umfeld, dem solche Jugendliche ausgesetzt sind, und den stark negativen Erfahrungen, die sie in unserer Gesellschaft machen. Daher liegt es in unserer Verantwortung sich mit den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen – vor allem aber jener, die in einem sozial brüchigen Umfeld aufwachsen – auseinander zu setzen, und dazu gehören auch die Medien“, so Univ.-Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink, Leiterin der Abteilung für Audiovisuelle Kommunikation am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg und Vorstandsmitglied der Aktion Film.
Kinder und Jugendliche nutzen Medien in der Regel aktiv und kreativ und setzen diese für selbst bestimmte Zwecke ein. Dies kann aber auch heißen, dass Medien als Mittel für verzweifelte Hilfeschreie – wie im aktuellen Fall Emsdetten – genützt werden, oder der Flucht aus einem für sie brutal empfundenen Alltag dienen.
„Unsere Aufgabe ist es, sensibel zu sein und diese Hilfeschreie wahrzunehmen, egal ob diese mittels Medien erfolgen, oder nicht. Das heißt aber auch, sich gerade auf jene Jugendlichen sensibel einzulassen, die mit ihren wie auch immer gearteten Problemen in dieser Gesellschaft nicht zurecht kommen; und vor dieser Verantwortung dürfen wir uns nicht drücken“, betont Wolfgang Hirner, Geschäftsführer der Radiofabrik und Gründer des EuRegio Medienzentrums.
„Die Medien sind nicht schuld an der derzeitigen Gewalteskalation. Wichtig ist ein kompetenter Umgang mit Medien und besonders jenen Jugendlichen, die Probleme haben, muss aktiv geholfen werden“, so auch Mag. Martin Seibt MSc., Geschäftsführer der Aktion Film und ebenfalls Gründer des EuRegio Medienzentrums. Die Devise des EuRegio Medienzentrums zielt nicht auf Medienzensur und Rückkehr in die Anfänge der Bewahrpädagogik, sondern Kindern und Jugendlichen eine aktive Auseinandersetzung mit Medien zu ermöglichen.
Ein gelungenes Beispiel sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und Kindern und Jugendlichen eine Hilfestellung in der Bewältigung ihrer Probleme zu geben, zeigt „Shit Happens“, ein Filmprojekt des EuRegio Medienzentrums: In Zusammenarbeit des Jugendzentrums Kuchl und der Bewährungshilfe mit der Aktion Film wurde fünf Kuchler Jugendlichen, die aufgrund einer Einbruchsserie das erste Mal straffällig wurden, die Chance einer Wiedergutmachung gegeben. Indem sie einen Film über ihr Vergehen produzierten, ließen sie das Erlebte Revue passieren und setzten sich intensiv mit Polizei, Eltern, Geschädigten und sich selbst auseinander. Für alle beteiligten Jugendlichen war dies ein sehr positives Erlebnis, das mehr bewirkte als jede Bestrafung. Zudem wurde der Film in Schulen gezeigt, um so Prävention zu leisten.Für die Zukunft sind daher eine aktive Auseinandersetzung mit den Lebens- und Medienwelten von Kindern und Jugendlichen und davon ausgehend konkrete Hilfestellungen gefragt, anstatt junge Menschen sich selbst zu überlassen und ihre wahren Probleme zu ignorieren. Am wenigsten zielführend – wenn auch preiswert – sind Verbote und Zensur, denn dadurch werden bedenkliche Medieninhalte keineswegs aus der Welt geschafft, sondern nur kriminalisiert, mystifiziert und somit für junge Menschen noch interessanter gemacht.